Landkreis Bad Kissingen – Politikverdrossenheit in Perfektion?
27. September 2009: Das höchste Parlament der Bundesrepublik Deutschland, der Bundestag, wird gewählt.
In meinem Heimatlandkreis Bad Kissingen verzichten nahezu 30 Prozent der wahlberechtigten Einwohner auf eine Ihrer seltenen Möglichkeiten, ohne Parteizugehörigkeit oder Mitgliedschaft in anderen Organisationen Einfluss auf die Zukunft der Republik zu nehmen. Sie verweigern die Teilnahme an der Bundestagswahl.
Damit liegt der Landkreis ungefähr im bundesweiten Durchschnitt, was allerdings angesichts der bundesweit niedrigsten Wahlbeteiligung seit Bestehen der Bundesrepublik nicht allzu positiv bewertet werden darf.
Eine traurige Position im landkreisweiten Vergleich nimmt die Stadt Bad Brückenau mit einer Wahlbeteiligung von gerade einmal knapp 60 Prozent ein.
Es ist ein bundesweites Phänomen, dass insbesondere strukturschwache Regionen eine geringe Wahlbeteiligung aufweisen, was das Ganze umso bemerkenswerter macht.
Müssten nicht eigentlich ausgerechnet die Bewohner solcher Regionen vermehrt zum Stimmzettel greifen? Müssten nicht besonders diese Menschen ein Interesse daran haben, dass sich in Deutschland wieder etwas bewegt?
Offenbar fehlt dieses Interesse vollends.
Diese Erkenntnis kann man nicht nur an der Wahlbeteiligung in solchen Gegenden feststellen, nein auch lokalpolitische Vereinigungen wie die Ortsgruppen der Parteien kämpfen mit dem zunehmenden Desinteresse der Bürger.
Am Freitag Abend hielten wir von der Piratenpartei zum ersten Mal einen politischen Stammtisch in Bad Brückenau ab. Oder sagen wir, wir versuchten einen Stammtisch abzuhalten.
Nachdem wir in den Wochen vorher kräftig Werbung betrieben hatten, Flyer wurden verteilt, Bekannte angesprochen, die MainPost veröffentlichte sogar einen Artikel, hatten wir mit 5-10 Personen gerechnet, die im Vorfeld ein echtes Interesse gezeigt hatten. Gekommen war niemand von ihnen.
Nun wäre das ja ein wunderbarer Aufhänger für die Presse, die Piraten mal in die Pfanne zu hauen. Ich sehe schon die Schlagzeilen „Piratenpartei findet kein Gehör beim Rhöner!“, „Ist der Hype um die Piraten vorbei?“ , „Piraten an der Sinn gestrandet?“.
Allerdings kann ich die Damen und Herren beruhigen. Ganz alleine waren wir dann doch nicht. Ein Mitglied des CSU-Ortsverbandes Bad Brückenau gesellte sich für einige Zeit zu uns und erzählte, dass auch sie, wie jede andere politische Organisation in Bad Brückenau, kräftig mit dem Desinteresse des Bürgers zu kämpfen haben.
Trotz etwa 100 Mitgliedern im Ortsverband ließen sich gerade einmal ein bis zwei Handvoll auf den Stammtischen, die bei der Union Bürgertische genannt werden, sehen.
Trotz absolut verschiedener Ansichten in unseren Kernthemen, entwickelte sich zu diesem Thema noch eine ganz nette Unterhaltung.
Als dann unsere moralische Unterstützung aus Würzburg eintraf, räumte er dann aber doch das Feld. Nichtsdestotrotz empfand ich die Diskussion als erfrischend und ermutigend. Im Gegenzug werde ich demnächst wohl auch einmal den CSU-Bürgertisch besuchen. Sicherlich werden sich dort auch interessante Gespräche entwickeln.
Was die Zukunft des Piraten-Stammtisches in Bad Brückenau angeht, werden die nächsten Tage zeigen, wie es weiterhin gehandhabt wird.
Der Landkreis Bad Kissingen zählt derzeit lediglich 12 Piraten, von denen 3 (mich eingeschlossen) alleine im selben Haus wohnen wie ich. Wir sind also noch recht schwach aufgestellt. Um diesem entgegenzuwirken, wird es wohl sinnvoller sein, den Stammtisch erst einmal in der Kreisstadt Bad Kissingen (die zudem die meisten Einwohner zählt) zu etablieren zu versuchen. Im Laufe der Zeit kann man sich dann Gedanken machen, ob ein Wanderstammtisch durch die restlichen 3 Städte des Landkreises Sinn macht. Einen festen Stammtisch in Bad Brückenau wird es jedoch wahrscheinlich so schnell nicht geben. Die paar Interessierten (deren Interesse ich hier auch noch mal in Frage stellen muss) können sich durch die überschneidenden Bekanntenkreise auch in loser Kommunikation austauschen.


