31.10.2010

Heute mittag erhielt ich auf formspring.me eine Frage von quasiPerlach für deren Antwort ich dann doch etwas länger brauchte. Da dachte ich mir, das wäre doch eigentlich einen Blog-Eintrag wert, wenn ich schon so lange daran gebastelt habe. Den Text findet Ihr auch unter http://www.formspring.me/BeWild/q/1452203180

quasi Perlach fragte mich:

Wie sieht's aus? Kannst du dir ein vereintes Europa vorstellen? Wenn ja, wieso und wie sollte es aussehen? Wenn nein, wieso nicht?

Meine Antwort:

Blättern wir in der Geschichte mal etwas zurück. Im 2. Jahrhundert erstreckte sich Rom in Europa von Sizilien im Süden bis zum Antoniuswall im Norden, von Portugal im Westen bis in den Balkan im Osten. Als erstes Großreich hatte Rom in Europa für "Einigkeit" gesorgt. Etwa 3 Jahrhunderte später hatten die Westgoten die Iberische Halbinsel und Teile Südfrankreichs besiedelt, die Franken waren über den Rhein nach Belgien und Nordfrankreich gelangt und die Ostgoten beherrschten Italien. Vom Rom vergangener Tage war im 5. Jahrhundert nicht mehr viel übrig. Syagrius konnte noch bis 486/487 einen Teil Galliens halten, musste sich jedoch dem Frankenkönig Chlodwig in der Schlacht von Soissons geschlagen geben. Europa war wieder unter vielen Völkerschaften geteilt.

Eben dieser Chlodwig dehnte sein Reich bis zu seinem Tode im 6. Jahrhundert bis zu den Pyrenäen im Süd-Westen und im Osten bis in das heutige Hessen und Franken aus. Eine bedeutende Größe für ein Reich, aber immer noch nicht ganz Europa. Spanien war immer noch von den Westgoten beherrscht, in Britannien prügelten sich angelsächsische Banden mit verschiedenen kelto-romanischen Kleinkönigreichen und die Ostgoten schlugen sich mit Byzanz (Ostrom) um die Vorherrschaft in Italien, was soweit ging, dass man Italien genauso gut hätte großflächig bombardieren können, es wäre nicht schlimmer gewesen.

Europa war also immer noch geteilt. Im Laufe der Jahre eroberten die Mauren nahezu die komplette iberische Halbinsel. Ihr Sturm gen Frankreich konnte erst durch Karl Martell und seinem Nachfolger Karl dem Großen aufgehalten werden, Italien war an den germanischen Stamm der Langobarden gefallen, die Angelsachsen hatten sich in Britannien mittlerweile festgesetzt.

Karl der Große unterwarf Langobarden und die Sachsen auf dem Festland und breitet sein Reich über die Gebiete des heutigen Bayerns und Österreich aus. Nahezu das komplette heutige Deutschland, Österreich, Schweiz, die Benelux-Staaten, Frankreich und große Teile Italiens waren unter fränkischer Herrschaft. Alle anderen waren mehr oder weniger vom Wohlwollen fränkischer Kaiser abhängig. Ein geeintes Europa im Mittelalter?

Nach dem Tode Karls des Großen teilt sich das fränkische Reich in Westfranken, Ostfranken und das „Mittelreich“ unter den Söhnen Karls auf. Im Osten entwickelt sich Frankreich heraus, im Westen und dem „Mittelreich“ das heutige Deutschland und die anderen oben genannten Länder.

Worauf ich mit der Vermittlung dieses Abrisses europäische Geschichte hinaus will, ist eigentlich, dass es sich ja immer toll anhört, wenn man von Herrschern berichtet, die ein Land oder viele Völker „geeint“ haben. Aber die Geschichte zeigt uns, dass geeinte Völkerschaften sich immer wieder getrennt haben. In den oben genannten Fällen waren meist machtpolitische Interessen sowohl für Einigung als auch für Trennung verantwortlich. Aber auch wenn man nun die Vereinigung der germanischen Teilstämme unter Arminius, dem großen „Befreier Germaniens“ zum Beispiel heranzieht. Sie hatten sich vereint um die Römer hinter den Rhein zurückzuschlagen, um die Identität Ihrer Stämme zu verteidigen. Als Arminius sich aber im späteren Verlauf (nach der geglückten Mission) anfichte König der geeinten Stämme zu spielen erhielt er ganz schnell die Quittung. Die Leute die sich für die gemeinsame Sache eingesetzt hatten ermordeten ihn. Das taten Sie aus dem selben Grund, aus dem Sie sich vereint hatten. Um die Identität Ihrer Stämme zu schützen. Die geeinten Stämme zerfielen wieder in Ihre Ursprungszustände.

Im Prinzip finde ich es toll, dass wir uns in unserer heutigen Zeit nahezu vollständig frei bewegen können, innerhalb der EU sogar ohne nervige Pass-/Grenzkontrollen. Dass sich die Staaten Europas gegenseitig stützen und schützen und miteinander zusammenarbeiten. Aber ich kriege immer mehr das Gefühl, dass unter dem Deckmäntelchen der Europäischen Union ein neuer Machtapparat aufgebaut werden soll, der die Souveränität einzelner Staaten nach und nach einschränkt (siehe hierzu z.B. Vorratsdatenspeicherung). Die Staaten der EU sind nun einmal eigene Staaten. In Italien ticken die Uhren eben etwas anders als in England (selbst Bayern und Schleswig-Holstein sind ja schon nicht mehr miteinander vergleichbar). Und die spanische Siesta würde sich in Deutschland wohl auch nicht durchsetzen lassen (schade eigentlich *g*). Und ich als Unterfranke sehe ja schon in der Tatsache, dass wir zu Bayern gehören eine Beschneidung meiner fränkischen Identität :-).

Was ich sagen will ist eigentlich ganz einfach. Völker entstehen und entwickeln sich mit der Zeit zu eigenen Völkern. Von oben herab ein Gebilde wie ein vereintes Europa zu bestimmen ist nur auf dem Papier möglich, nicht aber in den Köpfen der Menschen. Und auf das kommt es doch bei der Sache an. Die Einigkeit in den Köpfen der Menschen. Wenn sich das irgendwann entwickeln sollte, sind Ländernamen nur noch Schall und Rauch. Ich persönlich glaube da aber nicht dran.