Ägypten – Armee keine Prätorianergarde
In Ägypten geht die Post ab. Tausende Menschen belagern den Tahrir-Platz. Gestern hörte ich im Radio eine Reihe von Interviews in denen Ägypter von einer wiedergefundenen ägyptischen Identität sprachen. Trotz des großen Gedränges auf den Straßen Kairos gingen die Leute höflicher miteinander um als zuvor im normalen Alltag. Wird man angerempelt entschuldige sich derjenige sofort beim Angerempelten, den Frauen würde höflich Platz gemacht.
Die Bürger Ägyptens haben ein gemeinsames Ziel. „Mubarak muss weg!“ ist in Kairo der Satz der alle zusammenschweisst.
Die Höflichkeit wird nach gelungener Mission wahrscheinlich wieder einen Schritt zurück machen. Dann wenn alle wieder ihre eigenen Probleme haben, ihren eigenen Geschäften nachgehen und der Alltag im Land am Nil wieder Einzug erhalten hat.
Aber für den Moment sieht man hier eine Nation die an einem Strang zieht.
Doch das Regime Husni Mubaraks gibt sich hartnäckig wie ein Hundehaufen am Schuh der Freiheitsbewegung. In seiner TV-Ansprache, die am gestrigen Abend voller Spannung erwartet wurde, machte er Zugeständnisse, zeigte Verständnis für die Unzufriedenheit der Ägypter und besonders der jungen Bevölkerung und verkündete die Übergabe der Macht an seinen Vize Omar Suleiman. Aber das ist nicht, was die Leute wollen. Das ist nicht, was Ägypten will.
Ich frage mich, wie verblendet und/oder verwirrt man sein kann, zu glauben in dieser Situation ließe sich über den Zeitpunkt oder die Art des Ausscheidens noch in irgendeiner Weise verhandeln. Hätte Mubarak genau dasselbe vor zwei Wochen gesagt, wer weiss, vielleicht hätte der Mob sich darauf eingelassen. Aber diesen Zeitpunkt hat „der Pharao“ verpasst. Und wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben.
Die Meute verlangt nun nach Freiheit, Demokratie und freien Wahlen. Und zwar jetzt. Nicht im September oder im kommenden Jahr.
Mit seiner Rede hat Ägyptens Staatsoberhaupt die Masse nicht befriedet sondern eher noch mehr aufgestachelt. Dazu aufgestachelt weiter zu gehen als bisher.
Während allerdings der zivile Widerstand gegen das Regime weiter zunimmt, distanziert sich die Armee von einem möglichen Militärputsch. Auch wenn sich bereits einige Offiziere den Demonstranten angeschlossen haben sollen und große Teile der Truppen wohl eher auf der Seite der Bürger stehen, sieht die Armee ihre Aufgabe offenbar vorrangig darin, den angekündigten geordneten Übergang sicher zu stellen.
Ein „Kaisermord“, wie ihn die Prätorianergarde im antiken Rom des öfteren zu begehen pflegte, scheint daher ausgeschlossen
In seiner Rede sagte Husni Mubarak auch „ich möchte weiter hier (Ägypten) leben und auch hier begraben werden.“ Letzteres könnte aktuell schneller passieren, als ihm lieb ist. Auch ohne Prätorianer.


